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Die Blogger als Verwurster

Das Schweizer Fernsehen versucht, das Leistungsschutzrecht für Presseverleger zu erklären. Den Bloggern wird dabei die Fähigkeit zum Erstellen von originären Inhalten abgesprochen – angeblich bauen Bloginhalte immer auf Inhalten von Journalisten auf.

Screenshot youtube.com

“Eine nüchterne Analyse der Akteure, Interessen und Geldflüsse im Geschäft mit Online-News” verspricht der Artikel “Braucht es ein Leistungsschutzrecht? Eine Analyse der Argumente” auf srf.ch. Erklärt wird die Lage unter anderem mit diesem Video:

Die Digitalredaktion des Schweizer Fernsehens sieht die Akteure wie folgt:

Die Journalisten grinsen gewitzt und sind die einzigen, die überhaupt Ideen haben, sie scheinen vor Kreativität zu sprühen. Die Blogger dürfen auch weiblich sein, sind aber in der Regel männlich, unrasiert, und im Unterhemd. Die Verleger treten auf als gutgelaunte (Lächeln), antiquierte (Monokel), bürgerlich-reiche (Schlips, Zylinder, Pfeife) Figuren. Google ist einfach ein blaues “G” auf weissem Grund.

Einiges im Video ist richtig dargelegt, einiges aber auch nicht. Die Blogger sollten, nein, müssten sich beklagen. Denn sie werden dargestellt als komplett uninspirierte Typen, die nicht einen eigenen Inhalt herstellen könnten, wären da nicht die kreativen Ideen der Journalisten, die sie verwerten könnten. Ihre Arbeit in den Blogs wird geradezu gleichgestellt mit den Algorithmen der Suchmaschinen (die ja auch keineswegs nur Inhalte von Journalisten indizieren).

Über die Blogger heisst es (ab Minute 1:15):

Und dann gibt es noch Blogger, zum Beispiel. Die nehmen eigentlich auch Bezug auf die [von den Journalisten] erstellten Inhalte, verweisen auf diese, doch “verwursten” diese in der Regel auch noch, fügen also auch noch selbst Inhalte hinzu.

Das stimmt nur teilweise.

Auf welche Inhalte von Verlegern und Journalisten bauen denn Blogs auf, die über ihren eigenen Alltag berichten? Wieso wird Kochbloggern, die eigene Rezepte ins Netz stellen, der originäre Inhalt abgesprochen? Was fehlt Bloggern, die politische oder wirtschaftliche Analysen bereitstellen, um vom SRF als eigenständige Publizisten wahrgenommen zu werden?

Jeder, auch jeder journalistische Beitrag baut auf bereits Vorhandenem auf und beruht auf Ereignissen, Aussagen, Dokumenten. Diese werden aufgenommen, besprochen, zitiert, zum Teil mit eigenen Gedanken angereichert.

Weiter wird behauptet, “die Aggregatoren möchten sich einen Teil der Werbeeinnahmen abschneiden” (ab 2:27 Minuten). Das bleibt eine unbewiesene Behauptung: Google News ist nach wie vor werbefrei, auch auf Aggregatoren wie Rivva sehe ich derzeit keine Werbung.

Irritierend ist auch, dass ein Teil der Blogger auf die Seite der Verleger gestellt wird (ab 2:35 Minuten). Es ist sicher richtig, kommerziell orientierte Publizisten zusammenzufassen, von einem ein Leistungsschutzrecht fordernden Blogger habe ich allerdings noch nie gehört. Tatsächlich steht in der Frage des Leistungsschutzrechts kaum ein Blogger auf der Seite der ein solches Recht fordernden Verleger.

Wer sich zum Leistungsschutzrecht informieren möchte, kommt nach wie vor nicht darum herum, Beiträge von Bloggern zu lesen. Das SRF sollte das Erklären ein zweites Mal versuchen.

Erfasst von Ronnie Grob am 20. Januar 2013



  1. Wenn SRF Angst vor Bloggern hat... • Der LeuMund.ch • Blogs, google, leistungsschutzrecht, srf, video, youtube sagt:

    20. Januar 2013 um 11:47

    [...] nicht aktiv verfolge und meinen Blog vorwiegend als therapeutische Massnahme sehe, möchte ich den Ball von Ronnie Grob aufnehmen und im Sinn der Sache auf diesen Beitrag von SRF über das Leistungsschutzrecht [...]

  2. Guido Berger sagt:

    20. Januar 2013 um 12:44

    Hallo Ronnie, danke für deine Replik. Ich erlaube mir eine Replik auf die Replik, denn auch ich bin nicht mit jedem deiner Argumente einverstanden ;)

    Nein, wir sprechen den Bloggern nicht die Fähigkeit ab, eigene Inhalte zu generieren. Das ist ein Missverständnis. Ich beschreibe in dem Video ja nicht die gesamte Arbeit der Blogger, sondern nur die Aspekte, die von einem Leistungsschutzrecht tangiert würden. Wenn die Blogger einfach fröhlich vor sich hin schreiben, dann betrifft sie LSR nicht; nur wenn sie eben Beiträge «verwursten», die von jenen produziert wurden, die sie mit LSR schützen möchten.
    Dass dich der saloppe Begriff «verwursten» offenbar etwas schmerzt, tut mir leid. Ich wollte damit keineswegs die Arbeit der Blogger verunglimpfen. Ich mag einfach eine mündliche, bodenständige Sprache; im zum Video gehörigen Text haben wir ja neutraler von «Nutzung» gesprochen.
    Der Grinsende da hinten ist nicht ein Journalist, das ist ein Werber. Ausserdem: Als einer, der auch schon unrasiert im Unterhemd vor dem Laptop sass und in der Freizeit bloggte, fand ich die nicht ganz ernstgemeinte Darstellung des Bloggers jetzt nicht so schlimm.
    Ja, ich weiss, dass Google News keine Werbung schaltet. Das ist den Verlegern übrigens auch klar, was sie verwirrenderweise dann aber doch nicht davon abhält, jedes Mal Google News als Beispiel zu nennen. Wir meinen aber, dass der Umstand, dass die Google-Suche Werbung anzeigt, dazu führt, dass ein Teil des nicht unendlich grossen Werbekuchens in der Schweiz eben nicht mehr zu den Verlegern fliesst, sondern zu Google. In dem Sinne wird da schon was abgezwackt.
    Aber du hast Recht, ich hätte da statt «Werbeeinnahmen» einfach «Einnahmen» sagen sollen; das Beispiel Topcomments zwackte ja Abogebühren, nicht Werbeeinnahmen ab.
    Die professionellen Blogger habe ich nicht auf die Seite der Verleger gestellt, um damit zu behaupten, sie hätten die gleichen Argumente – sondern lediglich, um zu zeigen, dass ihre Interessen ähnlich liegen: Genug Einnahmen mit Inhalten zu generieren, um davon leben zu können. In diesem «Wer will was»-Abschnitt ging es genau nicht darum, ein Pro-/Contra-Argument aufzuziehen, sondern zu schauen, wer welche Interessen hat – auch mit dem Blick auf mögliche Kompromisse.
    Ich gehe davon aus, dass uns LSR dieses Jahr noch öfter beschäftigen wird – deinem Wunsch einer weiteren Erklärung werden wir also bestimmt nachkommen.

  3. Andreas Von Gunten sagt:

    20. Januar 2013 um 12:58

    So viel ich weiss, hat man sich auch überlegt mit Bloggern zu sprechen, hat es dann aber nicht getan.

    Weiterhin finde ich auch wichtig darzustellen, dass es kein Recht der Schweizer Medienkonzerne auf einen bestimmten Betrag an Einnahmen gibt. Es werden hier keine Gelder, die eigentlich den Verlegern gehörten von anderen “abgezwackt”. Es ist einfach ein Witz von den Verlegern zu behaupten, dass das Geld, das bei Google oder wo auch immer landet, eigentlich ihnen gehören würde. 
    Wir dürfen die Diskussion um das Leistungsschutzrecht für Presseverleger auf keinen Fall auf einen Verteilkampf um Gelder zwischen Schweizer Verlegern und Google reduzieren lassen. Einen solchen Kampf würden die Schweizer Verleger politisch immer gewinnen. Welcher Politiker schlägt sich schon auf die Seite eines amerikanischen Konzerns. Nein, es äusserst wichtig, dass wir alle, die das Netz nutzen und um seine grossartigen Vorzüge für die Gesellschaft wissen, uns dieses Thema zu eigen machen. Es geht um uns Nutzer des Netzes, die durch ein solches zusätzliches Recht für die grossen Verlagskonzerne, massive Nachteile zu vergegenwärtigen hätten. Wir werden auf allen Ebenen kämpfen müssen, um dies zu verhindern. Bloggt darüber, klärt schon jetzt auf in Eurem Bekanntenkreis, auch wenn noch kein konkreter Vorschlag auf dem Tisch liegt. Macht den Menschen klar, dass es hier um die Wurst gehen wird, und dass jeder Vorschlag, der von den Medienkonzernen kommen wird, abzuweisen und abzuwehren ist, weil er immer eine Verschlechterung der heutigen Situation bringen wird. Für einmal ist klar, hier gibt es keinen sinnvollen Kompromiss. Es ist eine Kampfansage und wir müssen diesen Kampf gewinnen. Glaubt nicht, dass es um Snippets geht, oder dass es um Leistungen der Verlage geht, es geht um die offene Struktur des Netzes. Der Link muss siegen, denn ohne Link ist das Netz nichts wert.

  4. Ronnie Grob sagt:

    20. Januar 2013 um 13:04

    Danke für die Stellungnahme, Guido.

    Nicht vergessen sollte man bei der Diskussion, dass sowohl die meisten Blogger als auch Google nur zitieren, also keine Inhalte übernehmen in das eigene Angebot. Sie machen nichts anderes wie Verlage und Journalisten auch, sie “verwursten” die Nachrichtenlage. Der Begriff “verwursten” schmerzt mich keineswegs. Doch Blogger sind
    nicht alleine. Google, Journalisten, Verleger verwursten die
    Nachrichtenlage gleichermassen.

    Wie Christoph Keese vom Axel-Springer-Verlag, einer der Treiber hinter dem unsäglichen Leistungsschutzrecht in Deutschland, öffentlich erklärt hat, soll es in der aktuellsten Form eines solchen Gesetzes NUR um Aggregatoren gehen, die Inhalte automatisiert übernehmen. Blogger, die irgendwas zitieren und eigene Inhalte hinzufügen, bleiben also sowieso davon ausgenommen. Betroffen aber wären Aggregatoren wie Rivva und Google, die automatisiert zitieren. Wie ein solches Gesetz dann tatsächlich von den Gerichten ausgelegt wird, bleibt unabsehbar und total offen.

    Dass ein Teil des Werbekuchens Google zufliesst, halte ich für absolut nachvollziehbar, bietet das Unternehmen doch mit der Suchfunktion durchaus eine eigene Leistung an.

    Wie auch immer, ich freue mich über weitere Beiträge zum Leistungsschutzrecht.

  5. rittiner & gomez sagt:

    20. Januar 2013 um 17:18

    bei uns entstehen die bloginhalte nicht durch geld und wir verwursten auch nichts. eher wird unser blog ab und an verwurstet. was uns aber nur in seltenen fällen stört. gerade medien bedinen sich doch auch im internet und setzen ihr logo drauf oder lassen werbung mitlaufen.

  6. Michael Krekel sagt:

    21. Januar 2013 um 09:06

    Die Diskussion um das LSR ist ein ziemlicher witz wie man auch in dem Video merkt.

    Google zeigt Werbung auf seinem Suchindex, davon lebt Google nun mal wie jede andere Suchmaschine auch. Und jeder der sich indexieren lässt weiß das auch und stimmt dem stillschweigend zu.

    Eine Suchmaschine ohne Werbung im Suchindex würde gar nicht in der Lage sein zu existieren.

    Wenn ein Verlag nicht möchte das er im Suchindex auftaucht kann er das mittels “robots.txt” verweigern.

    Wenn ein Verlag im Suchindex auftauchen will, aber keine Textsnippets anzeigen lassen möchte, kann er das ebenfalls per Meta-Tag regeln.

    Effektiv will das LSR trotz dieser technischen Möglichkeiten abkassieren und das geht nun mal nicht.

    Wenn ein Verlag selber durch technische Maßnahmen steuern kann welche Texte verbreitet werden sollte er das tun. Auf diese mittel zu verzichten und dafür auch noch bezahlt zu werden ist aber nichts weiter als pure Selbstherrlichkeit.

  7. Thomas Lang sagt:

    22. Januar 2013 um 09:30

    So lange Journalisten und Medienleute immer intensiv in meinem Blog recherchieren und neue Themen von dort aufgreifen für ihre Erzeugnisse, so lange scheint die Welt (für mich) in Ordnung zu sein.

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