Agenda

In den Goldtresor der ZKB

Der Schatz unterm Paradeplatz: Exklusive Führung für den ZPV. 9.9.2010, 11.30 – 13.30h. Leider schon ausgebucht! Mehr»

Deutschland Gastland am Medienball 2010

Am 30. Oktober 2010 findet die diesjährige Ausgabe des traditionsreichen „Schweizer Medienballs“ statt. Der Kartenvorverkauf ist eröffnet. Mehr»

Digitale Arbeitsinstrumente für Journalisten

SFJ-Weiterbidlungsseminar. Freitag, 5. November 2010, 10 – 16 Uhr, Zürich.
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Werde Journalist/in

Eine nicht ganz kurze und nicht nur ernst gemeinte Anleitung (ohne Gewähr!).

Journalist ist in der Schweiz kein geschützter Beruf. Entsprechend gibt es keine Lehre und kein Studium. Der klassische Weg vor 50 und mehr Jahren war die Schriftsetzerlehre, die einen ins Redaktionsmilieu brachte und die Rechtschreibung lehrte. Danach angelte man sich kleine Reporterjobs, wechselte alsbald in die Redaktionsstube und schaffte es mit etwas Willen in kürzester Zeit auf den Chefredaktorensessel. Auch heute noch haben über 50 Prozent der Schweizer Medienschaffenden keine eigentliche Ausbildung.*

Sie spielten schon im Kindergarten TV-Moderator, sie schrieben für die Schülerzeitung und machten beim Spitalradio mit. Sobald sie einen Lehrabschluss hatten, schickten sie ihre Stimmprobe an Roger Schawinski, der sie entdeckte, förderte, einstellte.

Sie interessierten sich für Sport oder Kultur, besuchten alle Spiele oder Aufführungen, boten sich der Lokalpresse als gelegentlicher Berichterstatter an, waren begabt darin, wurden angestellt oder bewarben sich mit ihren Arbeitsproben gleich bei der überregionalen Konkurrenz.

Sie waren in weit aussen verwandten Berufen wie insbesondere Lehrer tätig, bewarben sich während der Hochkonjunktur bei der Regionalpresse, wurden angestellt.

Sie waren in komplett anderen Berufen wie Heizungszeichner oder Reisebüroangestellter tätig. Ihre Fachkenntnis brachte sie dazu, der Fachpresse Artikel einzureichen. Es machte Spass, sie wechselten in die Fachredaktion – und ein paar Jahre später zu den Publikumsmedien.

Sie waren mit einem gut verdienenden Mann verheiratet, kümmerten sich voll und ganz um die Kinder, doch als diese ins Gymi wechselten, mussten sie sich neu orientieren. Eines Tages riefen sie einfach an bei der Chefredaktorin ihres Lieblingsheftlis und die zeigte sich so beeindruckt vom Leben einer gewöhnlichen Frau, dass sie ihr eine Chance gab – was einige Ex-Chefinnen noch heute bereuen, weil die so ins Blatt Geholte sich machte und beim ersten Auflagenschwund ihren Job erbte.

Sie hatten einen einflussreichen Onkel bei SF oder SR, bewarben sich dort nach der Matura und wurden als «Jungtürke» etwa in die Sportredaktion aufgenommen.

Einige Zeitungen (oder auch TV-Redaktionen) werden nicht müde, in Stelleninseraten das «abgeschlossene Studium» als Voraussetzung zu erwähnen. Das zeugt allerdings nur vom zu langem Aufenthalt ihres Chefredaktors im Elfenbeinturm der Geisteswissenschaften. Für eine Mehrheit der studierten Journalistinnen und Journalisten war das Schreiben von Seminararbeiten eine bessere Fingerübung. Sie schrieben nebenher Rezensionen fürs NZZ-Feuilleton und brachen das Studium nach wenigen Semestern zugunsten dem spannenden Reporterleben ab.

Natürlich kann man aber, auch um die Eltern zu beruhigen, den Weg übers Lizenziat wählen (auch Lizentiat; hey, ein Journalist, der in den Duden schaut!). Chefredaktoren ziehen Historikerinnen und Juristen im Allgemeinen den Absolventen des Modestudiums Publizistik vor. Eine reelle Chance auf einen Einstieg hat allerdings nur, wer schon während des Studiums in den Medien gejobbt hat. Weiter wird man meistens dazu verpflichtet, nach den langen Uni-Jahren noch ein 2-jähriges Volontariat zu absolvieren.

Volontariat wird die «Ausbildung» auf einer Medienredaktion genannt. Sie besteht für gewöhnlich darin, dass die Volontäre am ersten Tag ins kalte Wasser geworfen werden, von da an sich selbst überlassen sind, mit demselben Produktionsdruck zu liefern haben wie die alten Hasen. Learning by doing wäre drum der treffendere Ausdruck. Volontäre schätzen sich schon glücklich, wenn mal die Redaktionssekretärin Zeit hat, einen Blick auf ihren Text zu werfen.

1974 erkannte Ringier, dessen Blätter bei hausfremden Journalisten nicht den besten Ruf genossen, dass es einfacher ist, selbst auszubilden als abzuwerben und dass man dabei erst noch den gewünschten Zuschnitt erhält. Das Verlagshaus gründete eine Journalistenschule. Gruner+Jahr («Stern») in Hamburg zog nach. Bald wimmelte es nur so vor Schulen. Schon nach dem ersten Jahrgang war den einstellenden Chefredaktoren zwar klar, dass auch die beste Schule aus jemandem, der das Zeugs nicht hat, keinen Journalisten macht. Aber immerhin macht sie Journalisten aus denen, die das Zeugs haben. Und so hielten sich einige wenige dieser Schulen bis heute.

Darunter das MAZ Luzern, das deshalb besonders ist, weil es von der gesamten Branche getragen wird und von Anfang an auf die Praxis setzte. Wer allerdings keine Zeitung findet, der für ihn fürs Schulgeld aufkommt, muss nette Eltern haben oder einen Ausbildungskredit aufnehmen.

So weit der kleine Abriss über die Wege zum begehrten Presseausweis.

Bevor wir endlich auf die Frage eingehen «Wie komme ich zu einem Job in den Medien?», wollen wir aber noch ein paar Worte zur Frage «Will ich überhaupt einen Job in den Medien?» verlieren. Schliesslich ist bekannt, dass die multimedial aufgewachsene Generation die Medienberufe ganz oben auf die Liste von Traumjobs setzt. Und junge Leute täuschen sich manchmal.

Unsere bescheidene (und stilistisch nicht einwandfreie) Antwort: Ja, ein toller Job. Und das wärs dann aber auch schon. Verdienst- und Karrieremöglichkeiten sind beschränkt. Stress und Ärger gross. Die Scheidungsrate ist noch grösser. Kinder kannste vergessen. Und die Lebenserwartung wird nur noch von Wirten unterschritten. Zudem soll sich niemand etwas vormachen: Dieser Job kann auch von Studenten, Hausfrauen und Wirtschaftsflüchtlingen aus Billiglohnländern wie Deutschland ausgeführt werden – Konkurrenz und Lohndruck ist entsprechend.

Trotzdem: In welchem anderen Job gehts erst morgens um Zehne los, kann man die Arbeitszeit völlig frei einteilen, gibts so wenig Hierarchie, gelten Saufen und Vorstrafen (wegen Hausfriedensbruch, Zeugnisverweigerung, Anstiftung zur Amtsgeheimnisverletzung und Verrat militärischer Geheimnisse) als karrierefördernd? In welchem anderen Job wird man von den Reichen und Schönen eingeladen und von den Mächtigen umgarnt? In welchem anderen Job kriegt man so viele Geschenke (Journalisten dürfen annehmen, was sie an einem Tag essen und trinken können oder auch dessen Gegenwert, da man Uhren ja nicht essen kann; wobei: Einige Journalisten können verdammt viel essen, womöglich gar eine Golduhr)? In welchem anderen Job kommt man um den ganzen Globus (oder wenigstens von Schwammendingen bis Leimbach)? In welchem anderen Job braucht man nur einen Ausweis zu zücken, um an der Warteschlange (und meistens auch an der Kasse) vorbeizukommen?

Journalist ist der drittschönste Beruf der Welt. Der zweitschönste ist TV-Moderatorin. Der schönste ist Radiomoderator – da kann man auch unrasiert und im Trainingsanzug zur Arbeit erscheinen und manchmal sogar in der Nase bohren, während der Nachrichtenmeldung aus dem Irak, sieht einen ja keiner.

Der ZPV unterstützt alle im Bestreben, es ins Medienbusiness zu schaffen. Unsere Denkanstösse auf den Weg:

Journalismus hat nichts mit Schreiben zu tun. (Roger Köppel etwa hatte gar keine guten Deutschnoten und ist Chefredakteur – so heisst das dort – der «Welt» in Berlin geworden und ist heute Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche».) Wichtiger ist rasche Auffassungsgabe, der Sinn für Wichtiges und Unwichtiges, Menschenkenntnis sowie natürlich der berühmte Riecher für die gute Story.

Noch wichtiger ist Networking – neudeutsch für Möglichst-viele-Leute-Kennen und Täglich-mit-ihnen-Telefonieren-und-Mailen-und-eins-trinken- Gehen, um möglichst oft exklusive News «gesteckt» zu bekommen.

Früh übt sich – und es gibt nichts Leichteres, als einen Artikel der NZZ zu verkaufen: gute Story haben, anrufen, sich als freier Journalist ausgeben, Tagesaufwand ausmachen, Story schreiben (und zwar klar aufgebaut und professionell geschrieben), auf die Minute und die Zeile liefern, in der Honorarabteilung anrufen und AHV- und Kontonummer durchgeben und am nächsten Tag verdammt stolz sein.

Sein Endziel immer klar deklarieren – der Chef muss wissen, dass man nicht ewig VJ sein will, sondern möglichst rasch News Anchor.

… jetzt hab ich den Faden verloren … ach ja: Nie den roten Faden

verlieren, nicht beim Pitch vor den Redaktionskollegen, nicht in der Story, nicht in der Karriere, schon gar nicht im Leben.

Wer noch mehr Tipps will, ruft Leib-und-Seele-Journalisten wie Markus Gilli an. Da kann man sich nebenbei dann auch gerade bewerben.

Kleine Bemerkung zum Schluss: Dieser Text ist an einem hohen Feiertag entstanden, abends zwischen 21.05 und 21.59 Uhr, ca. drei Tage nach Deadline; der Autor hat ihn nach dem Runterhacken nicht noch einmal durchgelesen, denn der Stundenlohn beträgt nur 25 Franken; der Autor schreibt nicht zynisch, weil er schon 20 Jahre im Beruf ist, er schrieb schon nach einem Jahr so; obwohl er versucht, männliche und weibliche Formen zu verwenden, hält er es, wie auch Political correctnes, für eine Vergewaltigung seiner geliebten Muttersprache; seine Freundin wartet seit 19.30 Uhr auf ihn (die Theateraufführung geht dem Ende zu, aber die Tickets kosteten ja nichts), und das ist nicht weiter schlimm, sie ists sich gewohnt, sie ist ebenfalls im Besitz eines Presseausweises; Korrektur oder Redaktion hat der Text nicht erfahren, dazu fehlen jetzt Zeit und Mittel; den Namen des Autors wird eh keiner Lesen, und nichts ist so alt wie «20 Minuten» von «heute» früh.

Anonymus

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* Die Hochschule Winterthur legt im Zusammenhang mit diesem Text Wert auf folgende Feststellung: «Journalist ist zwar kein geschützter Titel, das schliesst aber eine Ausbildung oder ein Studium nicht aus. Das Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM an der Zücher Hochschule Winterthur zum Beispiel bietet den Studiengang Journalismus und Organisationskommunikation schon seit Jahren an.»